Lesetipps von Dietmar Jacobsen
Gehören Sie auch zu den Menschen, die vor dem Ins-Bett-Gehen vorsichtshalber noch einmal unter ihre Schlafgelegenheit linsen? Einen letzten ängstlichen Blick aus sicherer Deckung in den dunklen Vorgarten riskieren? Und etwas Schweres an die Türklinke hängen, um rechtzeitig aufzuwachen, falls ER das Zimmer betritt? Ja? Dann sollten Sie sich unbedingt abhärten. Womit? Mit Krimis natürlich. Und mit welchen? Versuchen Sie’s doch mal mit …
Friedrich Ani. In „Süden“ (Droemer 2011) holt der eine Figur auf die (kriminal-) literarische Bühne zurück, die bereits in 14 Romanen zwischen 1998 und 2005 die Hauptrolle spielte. Nun ist er also wieder da, dieser Tabor Süden, gewiss einer der eigenwilligsten Ermittler, die je in deutschsprachigen Kriminalromanen aufgetreten sind. Und immer noch kümmert er sich um Vermisste. Allerdings nicht mehr im staatlichen Dienst, sondern als Angestellter einer kleinen Münchner Privatdetektei. Die sucht nach dem seit zwei Jahren verschwundenen Sendlinger Wirt Raimund Zacherl. Dank Südens Intuition und seiner Fähigkeit, anderen genau zuhören zu können, findet man sich schon bald auf einer Spur, die nach Sylt führt und in die seelischen Abgründe eines Mannes, den niemand wirklich kannte. Ani ist in „Süden“ besser denn je. Im Mittelpunkt auch dieses Romans stehen Kollateralgeschädigte des Lebens. Das gilt nicht zuletzt für Süden selbst, der seit mehr als drei Jahrzehnten auf der Suche nach seinem Vater ist und dabei immer wieder Menschen trifft, die wie Gespenster unter uns leben: kaum bemerkt von allen anderen, einsam ihren Weg gehend und doch voller Sehnsucht, wahrgenommen zu werden. Ganz, ganz große Literatur! Einem um einiges leichteren Kaliber begegnet man mit
Carlos Salem. „Wir töten nicht jeden“ (dtv 2011), der zweite Krimi des seit 1988 in Spanien lebenden Argentiniers, macht uns mit den Nöten eines bezahlten Killers bekannt, der im Urlaub mit seinen beiden Kindern nur so nebenbei mal noch einen Job erledigen soll und plötzlich merkt, dass da einer viel Geld hinblättert für die Ermordung seiner Ex. Natürlich will Juan Pérez Pérez, wie die „Nr. 3“ eines global agierenden Mördersyndikats mit bürgerlichem Namen heißt, gerne wissen, wer es auf die Mutter seiner Kinder abgesehen hat und warum. Bald schon findet er sich im Mittelpunkt turbulenter Ereignisse und muss befürchten, über Nacht vom Täter zum Opfer zu werden. Salem hat eine nette Krimikomödie geschrieben, die auf einem FKK-Campingplatz an Spaniens Mittelmeerküste spielt und das Tempo, welches sie von der ersten Seite an aufnimmt, bis zum Ende durchhält. Manchmal ist das Ganze etwas anstrengend, weil vielleicht mit zwei, drei überraschenden Wendungen zu viel ausgestattet. Unterm Strich aber hält das Buch, was es verspricht: Kurzweil, Amüsement und eine Prise Selbstironie seines Autors. Und ganz nebenbei gibt es auch noch eine kleine Hommage auf den sizilianischen Autor Andrea Camilleri. Der hat seinen berühmten Kommissar Montalbano nach einem spanischen Schriftsteller benannt. Nun zahlt Salem mit gleicher Münze zurück. Nicht ganz so komisch geht es zu in den Romanen von
Walter Mosley. „Manhattan Karma“ (Suhrkamp 2011) ist der erste Fall für Leonid McGill, einen New Yorker Privatdetektiv, dessen Vergangenheit offensichtlich so dunkel ist wie seine Haut. Anfang 50, Ex-Boxer, mit einer Frau verheiratet, die ständig auf dem Absprung scheint, und drei Kindern, von denen nur eines von ihm ist, findet er die Zeit gekommen, um endlich auf ehrliche Weise sein Geld zu verdienen. Aber als er für einen Auftraggeber die Identität von vier Männern ermittelt, drei von denen kurz darauf tot sind und er selbst auf die Abschussliste des geheimnisvollen Killers gerät, muss er doch noch einmal die alten Kontakte bemühen. Mit deren Hilfe gelingt es ihm schließlich, Licht in das Dunkel eines Falls zu bringen, dessen Wurzeln tief in die Vergangenheit reichen. Mosleys Roman spielt 2008, liest sich streckenweise aber so, als wäre seit den Tagen von Dashiell Hammett und Raymond Chandler noch kein halbes Jahrhundert vergangen. Coole Sprüche, fein dosierte Action, ein paar interessante Nebenkriegsschauplätze und eine Geschichte, die einen bis zuletzt miträtseln lässt – wir warten auf mehr! Und damit abschließend noch zu
Johan Theorin. „Blutstein“ (Piper 2011) heißt der dritte Roman, in dem uns der schwedische Autor mitnimmt auf die kleine Ostseeinsel Öland. Da bricht eben der Frühling an, als Per Mörner mit seinen beiden Kindern über Ostern in das abgelegene Stenvik zieht. Dort trifft er auf den pensionierten Kapitän Gerlof Davidsson, den neureichen Schriftsteller Max Larsson und dessen geheimnisvolle Frau Vendela. Die glaubt an die Macht von Trollen und Elfen, leidet an der Unsensibilität ihres Gatten und Erinnerungen an eine bedrückende Kindheit eben hier auf Öland. Als Per Mörner dann noch gezwungen wird, seinen alten Vater zu sich zu nehmen, der einen Brandanschlag auf sein Anwesen nur knapp überlebte, hat Theorin alle Ingredienzien beieinander, um eines jener leisen, gut geschriebenen und raffiniert komponierten Bücher vorzulegen, mit denen er gerade Leser in ganz Europa erobert. Es geht um Schuld und Sühne, dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit und eine Landschaft wie geschaffen für Mythen und Legenden. Nichts für Actionfans – aber große Literatur für alle Freunde subtil-psychologischer Verstrickungen.
Tja, langsam aber sicher geht auch dieses Jahr wieder zur Neige. Hoffen wir, dass der Herbst golden und der Winter nicht ganz so schneereich wird wie der letzte. Ich jedenfalls freue mich auf die länger werdenden Leseabende im schummrigen Licht meiner alten Stehlampe. Was ich da alles so wegschmökere, erfahren Sie im Novemberheft. Bis dahin: Mord und Totschlag! Ihr Dietmar Jacobsen



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