Gehören Sie auch zu den Menschen, die vor dem Ins-Bett-Gehen vorsichtshalber noch einmal unter ihre Schlafgelegenheit linsen? Einen letzten ängstlichen Blick aus sicherer Deckung in den dunklen Vorgarten riskieren? Und etwas Schweres an die Türklinke hängen, um rechtzeitig aufzuwachen, falls ER das Zimmer betritt? Ja? Dann sollten Sie sich unbedingt abhärten. Womit? Mit Krimis natürlich. Und mit welchen? Versuchen Sie’s doch mal mit …
Ian Hamilton. „Die Wasserratte von Wanchai“ (Kein & Aber 2011) ist der erste Band einer Reihe um die auf Geldeintreibungen spezialisierte Agentin Ava Lee. Die ist so schön wie raffiniert, bewegt sich voller Eleganz noch auf dem glattesten Parkett und ist durchaus in der Lage, auch einmal kräftig hinzulangen. Viel lieber freilich als den durchtrainierten Körper setzt die junge Dame ihren überragenden Verstand ein. Der kommt ihr auch zugute, wenn es gilt, einem raffinierten Betrüger die 5 Millionen wieder abzunehmen, die der sich widerrechtlich im Zuge eines reichlich krummen Deals angeeignet hat. Ihr Auftrag führt Ava von Toronto über Hongkong und Bangkok bis nach Guyana und auf die British Virgin Islands. Bei der Lektüre kollabiert man nicht gerade vor Spannung, die exotischen Schauplätze und das Duell zweier Superhirne entschädigen aber für die manchmal etwas zähen Fortgang der Dinge. Reichlich exotisch geht es auch zu bei
Christopher G. Moore. Dessen Roman „Der Untreue-Index“ (Unionsverlag 2011) spielt im Titel auf eine Broschüre an, in der sich Ehefrauen darüber informieren können, in welcher Gegend der Welt ihre sexuell labilen Gatten am gefährdetsten sind. Natürlich steht Bangkok auf Platz 1 und just hier, in der thailändischen Metropole, setzt eine Gruppe von vier mitgereisten Ehefrauen einen Detektiv auf ihre einflussreichen Männer an, um deren Treue zu erproben. Vincent Calvino, Moores Held, nimmt den Auftrag des Quartetts nur ungern an. Aber er steckt in Geldnöten, weil sein letzter Klient vor der Begleichung eines beträchtlichen Honorars den finalen Abgang gemacht hat – was bleibt ihm also übrig. Doch bald erweist es sich, dass zwischen dem Fall von Medikamenten-Piraterie, für dessen brisante Einzelheiten sich nach dem plötzlichen Tod von Calvinos Auftraggeber niemand mehr zu interessieren scheint, und den vier den Versuchungen Thailands ausgesetzten Großkopferten enge Zusammenhänge bestehen. Und aus einem Jäger wird Vinvent Calvino nach und nach zum Gejagten. Der welterfahrene Moore kennt Bangkok wie seine Westentasche und er weiß, dass hier die Uhren anders ticken. Während sich sein Protagonist mit Filz und Korruption bis in höchste Regierungsstellen herumzuschlagen hat, sammeln sich auf den Straßen allerdings schon die Unzufriedenen und melden ihren Protest an den bestehenden Verhältnissen an. Viel Atmosphäre, eine raffiniert verschachtelte Handlung und die deutlich spürbare Sympathie für jene, die immer zu kurz kommen, zeichnen Moores Buch aus. Mehr als einmal gepriesen haben wir an dieser Stelle schon den amerikanischen Thrillerautor
Don Winslow. Mit „Satori“ (Heyne 2011) hat sich der nun einer ganz besonderen Herausforderung gestellt. Der 600-Seiter kam nämlich auf Initiative der Erbengemeinschaft des 2005 verstorbenen Bestsellerautors Trevanian (eigentlich Rodney William Whitaker) zustande. Der hatte 1979 den Geheimagenten Nikolai Hel erfunden und ihn in dem Roman „Shibumi“ – zeitgleich mit „Satori“ bei Heyne wiederaufgelegt – zwischen den Machtblöcken seiner Zeit operieren lassen. Mit Winslow geht der Leser nun ein paar Jahrzehnte zurück, erfährt, wie Hel wurde, was er bei Trevanian schon ist, und begleitet ihn auf eine CIA-Mission in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dabei zeigt sich, welches Potenzial in dieser Figur steckt, wenn sich nur einer ihrer annimmt, der es versteht, zeitgemäßes Erzählen, politische Einsichten und einen unaufdringlichen Realismus unter einen Hut zu bringen. Der von rasssistischen Seitenhieben und elitärem Denken strotzende Trevanian wird von Don Winslow entstaubt, durch ein rasantes Erzähltempo zum Tanzen gebracht, erotisiert und dem Nebel von Geheimgesellschaften, die jenseits von Gut und Böse stehen, entrissen. Ein Buch, das man erst wieder weglegt, wenn man auf seiner letzten Seite angekommen ist! Und damit noch zu einem feinen Geschenk für das bevorstehende Weihnachtsfest, nämlich den
Mord(s)kalender 2012. (CONTE Verlag) Der war nun wirklich überfällig. Denn warum sollten allein wir Freunde des spannend-niveauvollen Um-die-Ecke-Bringens auf Dauer ohne Kalendarium bleiben? Während jeder Pferdenarr sein Almanach besitzt, jede Fußballmannschaft ihre Jahreschronik präsentiert, jeder Gartenfex das entsprechende Brevier mit angepappten Samentütchen an der Wand hängen hat. Hohes Lob also dem Saarbrücker Conte Verlag und dem fleißigen Trio Christa Braun, Dieter Paul Rudolph und Stefan Wirtz – sie haben endlich ins Leben gerufen, was hoffentlich lange Bestand haben wird. Handlich, in rotes Leinen gebunden und mit einem Einschussloch in der rechten oberen Ecke kommt dieser Kalender daher. Und fängt man an zu blättern, findet man sich schon bald inmitten eines munteren Springquells an Informationen, Lesetipps und kurz gehaltenen lexikalischen Hinweisen rund um das Thema „Krimi“. Mehr als genügend Platz für eigene Bemerkungen ist auch. Nur dass so gar kein Bildchen Einlass in das feine Kompendium gefunden hat, darf man ein wenig bedauern. Vielleicht war aber auch nur so der Preis da zu halten, wo er jetzt ist, bei 15 Euro nämlich. Und das, meine Damen und Herren, ist wirklich lächerlich angesichts der Leistung, die man dafür erhält. Mein Rat: Gleich zwei kaufen – einen zum Verschenken an wirklich gute Freunde, den anderen behalten und sammeln!
Tja, ich hoffe sehr, dass auch diesmal etwas für Sie dabei war. Schon im Dezember gibt es die nächsten Krimitipps. Dann kümmern wir uns um vier alte Bekannte und ihre neuesten Bücher. Hochspannung ist da in jedem Fall garantiert. Mord und Totschlag sowieso!
Ihr Dietmar Jacobsen



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