Ach, ging das wieder schnell. Gerade noch haben wir die ersten warmen Sonnenstrahlen Anfang März genossen, den Sommer verflucht und den Herbst für seine unglaublich schönen Tage bewundert, da drohen schon wieder Temperaturen unter Null, Schneechaos und die Bundesliga-Winterpause. Zum Glück haben einige unserer Lieblingsautoren gerade noch rechtzeitig vor Ausbruch der großen Depression neue Bücher auf den Markt gebracht. Also ab an die Heizung, Glühwein, Rumtopf oder Grog nicht vergessen, eine Packung Spekulatius geöffnet – und los kann er gehen, der große Weihnachts-Lesemarathon. Und sollten Sie noch auf der Suche nach einem Geschenk sein, mit dem man sich den Partner ein paar besinnliche Stunden lang vom Hals halten kann – die folgenden Bücher eignen sich alle dafür. Los geht es mit einem Dänen, nämlich
Jussi Adler-Olsen. „Erlösung“ (dtv 2011) ist der dritte Fall für Karl Mørck und das Sonderdezernat Q der Kopenhagener Polizei. Das kümmert sich um ungelöste Fälle aus der Vergangenheit. Diesmal bringt eine Flaschenpost die Ermittlungen in Gang. Obwohl kaum mehr lesbar, versteckt sich hinter der Jahre unterwegs gewesenen Botschaft das grauenhafte Schicksal zweier Kinder. Und Mørck ahnt, dass der psychopathische Killer, von dessen Existenz man aus den mit Blut geschriebenen Zeilen erfährt, noch immer sein Unwesen treibt. Eile ist also geboten, um dem Spuk Einhalt zu gebieten. Jussi Adler-Olsens Romane werden von Mal zu Mal länger und spektakulärer. In „Erlösung“ konfrontiert er den Leser mit einem Ungeheuer, das sich für die in seiner Kindheit in einem Pfarrhaus erfahrenen Demütigungen grausam rächt. Vielleicht wäre dabei weniger mehr gewesen. So bekommt man bei der Lektüre bald den Eindruck, dass die Bevölkerung ganzer Landstriche dem Zorn des Täters zum Opfer fällt. Und das ist dann wohl doch ein bisschen übertrieben. Viel realistischer geht es zu in den Romanen des südafrikanischen Autors
Deon Meyer. Dessen aktuelles Buch heißt „Rote Spur“ (Rütten & Loening 2011). Und es erzählt eigentlich drei Geschichten. Die einer gut situierten Hausfrau, die aus ihrer Ehe ausbricht und in der Welt der Geheimdienste landet. Die des Personenschützers Lemmer, der den Transport zweier Nashörner absichern soll und dabei böse hinters Licht geführt wird. Und die des Ex-Polizisten Mat Joubert, dessen erster Auftrag als Detektiv ihn auf die Spur eines Verschwundenen bringt, der offensichtlich ein Doppelleben führte. Durch alle drei Fälle zieht sich die blutige Fährte der Gewalt, auf die der deutsche Titel anspielt. Und es gibt kaum ein Problem im heutigen Südafrika – die letzte Fußball-Weltmeisterschaft natürlich inbegriffen -, das der Text unerwähnt lässt. Herausragend aber sind seine literarischen Qualitäten. Wie Meyer die Perspektiven wechselt, wie er die einzelnen Erzählstränge auf subtile Weise miteinander verknüpft, wie raffiniert er Auskünfte über politische und gesellschaftliche Hintergründe einbaut, wie er seinen Personen ganz unverwechselbare Profile verleiht und mit welch hintergründiger Ironie er sich dem Thema „Islamistische Bedrohung“ widmet – das ist nicht mehr und nicht weniger als Weltklasse. In die Welt der Terrorhysterie entführt uns auch
Reginald Hill. „Der Tod und der Dicke“ (Droemer 2011) wartet mit zwei altbekannten Ermittlern auf. Chief Inspector Peter Pascoe und sein cholerischer Chef, Superintendent Andy Dalziel, machen bereits seit 1970 die Grafschaft Yorkshire (un-) sicher. Diesmal bekommen sie es allerdings zum ersten Mal mit einer Konkurrenz zu tun, die technisch auf dem neuesten Stand ist und sich über die verschnarchten Methoden der Provinzbullen nur lustig macht. Weil eine Bombe hochgegangen ist, greifen nämlich Geheimdienste und eine smarte Anti-Terror-Einheit in die Ermittlungen vor Ort ein. Die Peter Pascoe ganz alleine leiten muss, denn die zwei Zentner Lebendgewicht des Großmauls Dalziel hat die Explosion ins Koma befördert. Aber auch dort gibt der Mann keine Ruhe, sondern feilscht mit Gott um sein Bleiberecht auf dieser Welt. Hill bietet in diesem Roman erneut alles auf, wofür wir ihn lieben: kauzige Figuren, einen vertrackten Plot und seinen wunderbaren – durch und durch britischen – Hang zur Ironie. Und er reiht sich mit diesem Buch in die Reihe jener Autoren ein, die die aktuell existierende Terrorgefahr nicht dazu benutzen, auf Teufel komm‘ raus mit unseren Ängsten zu spielen, sondern darum bemüht sind, gefährlicher Hysterie den Boden zu entziehen. Und damit noch zu einer richtigen Überraschung der Saison namens
S.J.Watson. Bei dessen Thrillerdebüt „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ (Scherz 2011) gibt es meines Erachtens ein paar Punkte zu viel im deutschen Titel. Ansonsten ist die Ware aber einwandfrei. Erzählt wird von einer Frau, die eines Morgens aufwacht und entsetzt feststellen muss, dass sie nicht die ist, für die sie sich hält. Wer ist der Mann neben ihr im Bett? Und warum schaut ihr aus dem Spiegel das Gesicht einer Endvierzigerin entgegen, wo sie doch als ledige junge Frau eingeschlafen ist? Christine Lucas muss erfahren, dass sie seit einem Jahrzehnte zurückliegenden Unfall an einer besonderen Form der Amnesie leidet. Jede Nacht vergisst sie ihr gesamtes bisheriges Leben. Zum Glück kümmert sich ihr Mann Ben aufopfernd um die hilflose Gattin. Aber sind sie wirklich verheiratet? Und was hatte Ben mit jenem folgenschweren Unfall zu tun? Eines Tages beginnt Christine aufzuschreiben, was ihr durch den Kopf geht – ein Tagebuch soll helfen, Licht in das Dunkel zu bringen. Und was sie entdeckt ist grauenhaft. Watson hat die Rechte an seinem ersten Roman bereits an Hollywood verkauft – bevor die daraus einen 0815-Thriller machen, sollten Sie das Buch schnell noch lesen. Schlaflose Nächte garantiert!
Ja, und damit bleibt mir nur noch, Ihnen allen für das nächste Jahr Gesundheit, viel Glück und möglichst weniger Stress zu wünschen. Und bleiben Sie mir und meinen Krimi-Tipps gewogen. In diesem Sinne: Mord und Totschlag!
Ihr Dietmar Jacobsen
Weitere Infos unter:www.text-und-web.de



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