05. Dezember 2011

Alles Krimi, oder was?

Lesetipps,vorgestellt von Dietmar Jacobsen

Gehören Sie auch zu den Menschen, die vor dem Ins-Bett-Gehen vorsichtshalber noch einmal unter ihre Schlafgelegenheit linsen? Einen letzten ängstlichen Blick aus sicherer Deckung in den dunklen Vorgarten riskieren? Und etwas Schweres an die Türklinke hängen, um rechtzeitig aufzuwachen, falls ER das Zimmer betritt? Ja? Dann sollten Sie sich unbedingt abhärten. Womit? Mit Krimis natürlich. Und mit welchen? Versuchen Sie’s doch mal mit…

Foto: www.sxc.hu

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Jo Nesbø. „Die Larve“ heißt der aktuelle Roman des Norwegers, dessen Werk inzwischen auch für Hollywood interessant geworden ist – gerade verfilmt Meisterregisseur Martin Scorsese den Harry-Hole-Roman „Der Schneemann“ (List Taschenbücher Bd. 61046). Hole, Nesbøs Serienheld, der sich eigentlich nach Hongkong zurückgezogen hatte, um dort seine Liebes- und Lebenswunden zu lecken, muss in „Die Larve“ schon zum zweiten Mal nach Oslo zurückkehren. Diesmal geht es um Oleg, den Sohn seiner großen Liebe Rakel, der einen Freund getötet haben soll und im Gefängnis auf sein Urteil wartet. Doch gerade weil alles dafür spricht, dass der Junge, der an Harry hängt, tatsächlich der Mörder ist, ist Hole von seiner Unschuld überzeugt.

Indem er sich auf die Suche nach dem wahren Täter begibt, wirbelt er, wie man das von ihm bereits gewohnt ist, eine Menge Staub auf. Drogendealer, osteuropäische Mafiosi, korrupte Polizisten und Politiker – es geht hoch her im neunten Band der Serie um einen Mann, der bei allen aneckt und den Frieden mit sich und der Welt, welchen er sucht, nie zu finden vermag. Rasant, meisterhaft komponiert und unglaublich spannend – in Europa gibt es derzeit kaum einen Besseren als Jo Nesbø! Sensationell begonnen hat auch der Brite

Tom Rob Smith. In „Kind 44“ (Goldmann Taschenbuch Band 47207) ermittelte zum ersten Mal sein KGB-Agent Leo Demidow in der Sowjetunion der 1950er Jahre. Nun liegt mit „Agent 6“ (Manhattan 2011) bereits das dritte Abenteuer eines Helden vor, der zwischen kommunistischer Staatsraison und der ihm eigenen Liebe zur Wahrheit zerrissen ist. Wie gefährlich es in einem totalitären System werden kann, wenn man unter seiner propagandistischen Oberfläche ein Verbrechen aufklären will, über das die herrschenden Genossen nur zu gerne den Mantel des Schweigens breiten würden, hat Smith‘ Held schon in den beiden Vorgängerbänden schmerzlich erfahren müssen.

Diesmal freilich ist er ganz unmittelbar betroffen, wenn seine Frau Raisa nach einem Konzert, das sie mit ihrem Moskauer Schulchor 1965 vor der UNO in New York gibt, als angebliche Mörderin eines schwarzen Bürgerrechtlers und Protestsängers erschossen wird. Um den wahren Täter zu finden und die Schuldigen an den Pranger zu stellen, braucht es fast zwei Jahrzehnte und eines langen Umwegs über den Afghanistankrieg. Nur als Desserteur und Verräter ist es Demidow nämlich möglich, seinem Land den Rücken zu kehren und vor Ort in den USA nachzuforschen. „Agent 6“ ist nicht der beste Rob Smith, weil er in zu viele unterschiedliche Richtungen ausufert. Wer allerdings nur spannendes Lesefutter sucht, mag getrost zu dem actionlastigen 500-Seiter greifen. Näher heran an die Irritationen unserer aller Gegenwart führen seit gut anderthalb Jahrzehnten die Polizeiromane des in Düsseldorf lebenden

Horst Eckert. Mit „Schwarzer Schwan“ (GRAFIT 2011) ist dem das Kunststück gelungen, aus aktueller Politikverdrossenheit, europäischer Währungs- und Finanzkrise, aufflackerndem „Wutbürgertum“ und der Boulevardisierung dieses hochbrisanten Gemischs durch die Yellow Press einen knallharten, politisch engagierten Thriller zu machen. Herrlich schon dessen Held. Denn Polizeimann Dominik Roth kommt aus dem Betrugsdezernat zur Mordkommission. Dass er, der sich bisher mit Internetabzockern und anderen Kleinkriminellen rumschlagen musste, genau der Richtige ist, wenn es um die raffinierten Hütchenspieler in Politik und Wirtschaft geht, die aus dem Nichts Profit (am liebsten für sich selber) machen und dabei auch vor Mord und Erpressung nicht zurückschrecken, merkt der Leser bald. So schnell er in die Aufklärung von zwei brisanten Fällen einbezogen wird, so schnell droht Kommissar Roth allerdings auch wieder die Suspendierung.

Denn er muss seinen Vorgesetzten verschweigen, dass er, um sein Gehalt ein bisschen aufzubessern, an den Wochenenden gelegentlich für die Detektei eines alten Kumpels malocht. Und da hat er in letzter Zeit eine Bankerin zu beschatten gehabt, die in die Tötungsdelikte, in denen er ermittelt, verwickelt zu sein scheint. „Schwarzer Schwan“ ist der erste deutsche Thriller, in dem die Kanzlerin persönlich mitspielt und das Wort ergreift. Nach der Lektüre versteht man die Welt, in der wir leben, ein bisschen besser, ohne den grassierenden Wahnsinn freilich zu tolerieren. Für diejenigen, die einen Thriller erst dann als solchen erkennen, wenn in dunklen, unterirdischen Verliesen eingekerkerte junge Frauen schmachten und auf Befreiung hoffen, hat Eckert noch einen Entführungsfall in seinen Roman eingebaut. Für mich hätte er das nicht unbedingt tun müssen. Trotzdem: Note „Sehr gut“! Und damit noch zu einem meiner absoluten Lieblingsautoren, nämlich

Heinrich Steinfest. „Die Haischwimmerin“ (Piper 2011) heißt dessen neuester Geniestreich. Es geht darin um eine unterirdische Verbrecherrepublik in Sibirien, Fliegenpilze und eine Wunder wirkende Lärchenart, belgische Comics und Menschen mit unsichtbaren Pfeilen in der Brust, Schamanismus und Detektive, die so dick sind, dass sie in der Sänfte zum Dienst getragen werden müssen. Ein echter Steinfest eben. Nicht nachzuerzählen! Nicht nachzumachen! Nicht zu übertreffen! Ein Fest der Fantasie, eine Orgie an oberschrägen Einfällen und ein Lesevergnügen sondergleichen. Schade, schade, dass es das pro Jahr höchstens einmal gibt. Aber was soll’s: Dann lesen wir es halt dreimal hintereinander, so lange, bis der Autor endlich mit neuem Stoff rausrückt! Mach hinne, Heinrich!

Ja, das war’s dann auch schon wieder. Im Februar gibt’s keine Krimitipps – dafür verspreche ich für März schon einmal ein paar absolute Granaten. Bis dahin: Mord und Totschlag!

Ihr

Dietmar Jacobsen

Weitere Infos unter: www.text-und-web.de

www.poetenladen.de/jacobsen-houellebecq-karte.htm

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